Aufbruch jetzt! - Impulse zur Steigerung der regionalen Wertschöpfung aus Holz

 
Der Bericht 2010 des Zukunftsrates: „Zukunftsfähige Gesellschaft - Bayern in der fortschreitenden Internationalisierung" wurde oft einseitig zitiert und hat viele Missverständnisse ausgelöst. Steht dort wirklich, dass sich die ländlichen geprägten Gegenden Bayerns nach Österreich und Tschechien zu orientieren hätten und dass der nicht veräußerbare Rest zum Ökoreservat für migrationsunwillige Senioren gesundschrumpfen würde? Bei genauerer Lektüre stellt man fest, dass der Bericht auf weite Strecken so revolutionär gar nicht ist und sich durchaus mit laufenden Entwicklungsinstrumenten deckt. Im Falle der demografischen Entwicklung werden die Signale schon länger wahrgenommen. Was bisher fehlte war der notwendige Impuls: „Jetzt geht´s los“. Dies scheint nun anders und an vielen Stellen und speziell im Bayerwald machen sich engagierte Menschen Gedanken, wie unsere ländlichen Regionen vor dem Kollaps bewahrt werden können.

Das Netzwerk Forst und Holz Bayerischer Wald beteiligt sich an dem Prozess. Schließlich ist die Wald- und Holzwirtschaft einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region im Hinblick auf Umsatz und Beschäftigte. Außerdem empfiehlt der Zukunftsrat u.a. „Clusterbildungen zur Stärkung des ländlichen Raumes“ und die „Vernetzung mit den Leistungszentren“. Beides sind das ursprüngliche Wesen der Clusterarbeit für Holz.
Die Betriebe der Holzbranche sind als Netzwerk Forst und Holz gefordert, sich im Arbeitskreis „Landwirtschaft, Umwelt und Energie“ im Rahmen des Projekts „Aufbruch jetzt! Niederbayern“ einzubringen. In diesem Projekt haben sich die niederbayerischen Landkreise und kreisfreien Städte zusammengeschlossen, um in einer eigenen Studie die Auswirkungen des demographischen Wandels auf unsere Region zu beleuchten und Lösungsansätze für die Schaffung und den Erhalt gleichwertiger Lebensbedingungen im ländlichen Raum zu erarbeiten (Zitat Landrat Alfred Reisinger bei einem Treffen des Arbeitskreises in Landau). In verschiedenen Arbeitskreisen geht es darum, Ziele der Region für den jeweiligen Themenbereich zu erarbeiten und konkrete Maßnahmen und Forderungen zu benennen, wie Niederbayern in den Feldern Landwirtschaft, Umwelt und Energie auf den demographischen Wandel reagieren kann. Die Ansätze und vorgebrachten Argumente gelten natürlich ungeachtet des Regierungsbezirkes.

Die Holzbranche leistet einen wichtigen Beitrag – schon jetzt und zukünftig

Das Netzwerk Forst und Holz Bayerischer Wald ist regionaler Teil des Bayernweiten Clusters Forst und Holz in Bayern. Es ist damit Teil bayerischen Clusterinitiative und Teil des Landkreisengagements zur Verbesserung der regionalen Wertschöpfung. „Mit der Clusteroffensive intensiviert die Staatsregierung die landesweite Netzwerkbildung zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Dienstleistern und Kapitalgebern“(Quelle: http://www.cluster-bayern.de/cluster/). In der Region Bayerwald tragen alle sechs Landkreise des Bayerwaldes, das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und der Europäische Landwirtschaftsfonds das Netzwerk Forst und Holz gemeinsam.

Unter der Federführung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums waren vor 5 Jahren schnell jene Wirtschaftsfelder gefunden, die Bayern eine leuchtende weiß-blaue Zukunft sichern. Laser – Chemie – Satellitennavigation – Mikrosystemtechnik und – spät aber dennoch: Forst und Holz! Dieser Cluster unterscheidet sich deutlich von den anderen insgesamt 19 Wirtschaftsfeldern in Bayern: Er ist „Kleinst-“strukturiert und umspannt handwerkliche und akademische Berufe, die traditionell vertikal kaum miteinander kooperieren. Eine Innovationskraft eines Clusters Luft- und Raumfahrt mag strahlender sein. Doch besonders im Bereich Bauen mit Holz hat sich in den letzten 15 Jahren mehr verändert als in der Öffentlichkeit bekannt ist.
Dass Forst und Holz dennoch als buchstäblich letzter Cluster identifiziert wurden, verdankt die Branche einer sehr regen universitären Forschung in der Holzforschung München und (auch) den räumlichen Schwerpunkten in der Holzproduktion wie dem Bayerischen Wald. Doch während die Holzforschung in München für ihre Forschungen international geachtet wird, erntet der Bayerwald für seinen Wald- und Holzreichtum bestenfalls Mitleid, steigerbar bis Spott und Hohn. Tragischerweise auch innerhalb der Region. Leistungen und Innovationen, die die Holzbranche hervorbringt werden kaum wahrgenommen. Wer kennt schon Vollwärmedämmung auf Holzbasis, verputzbare Außenwände oder Keramikwerkstoffe aus Holz? Noch immer lebt das Idyll vom Waldarbeiter mit der Doppelzugsäge und wir sind ganz erschrocken, wenn Maschinen von der Größe eines Elefanten mit spinnenartigen Schreitbeinen, GPS gesteuert mit integrierter Holzvermessung das Holz ernten.

Auf einem Drittel der bayerischen Landesfläche steht Wald. Wir gönnen ihn uns gerne als Postkarten- oder Sportkulisse. Als Grundlage für eine Milliarden schwere Industrie- und Handwerkstradition wird es aber nur selten und leider nur von brancheninternen Fachleuten gesehen! Und bei uns im Bayerwald? Hier ist das Flächen-Drittel zur Hälfte der Landkreisflächen angewachsen! Was aber keineswegs zu einer positiveren Sichtweise auf den Wald und die Region führt: Eher wird der Wald als Hindernis empfunden. Dem DSL Ausbau steht er im Weg, einer schnellstmöglichen Verkehrsinfrastruktur stellt er sich entgegen, und wenn wir ihm etwas Positives abgewinnen dann bestenfalls als Spielplatz für Touristen. Als eine der Folgen beobachten wir in Bayern und im Bayerwald eine im Vergleich mit Österreich um die Hälfte niedrigere Holzbauquote und eine große Tendenz, Holz in der Regel zu verkaufen statt in der Region zu veredeln und zu verwenden. Für uns war Wald einfach schon immer da – der ist doch nichts Besonderes.

Eben Doch! Und nicht nur als Kulisse sondern als Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber! Unser Wald ist auch Kulturwald und nicht nur Wald. Manchmal sogar Urwald. Der Wald ist Ressource und Perspektive. Erst seine Bewirtschaftung sichert Klima und Kulisse, Luft und Wasser, Umsatz und Beschäftigung. Im Bayerwald leben 14.000 Menschen von einer hauptberuflichen Tätigkeit bei einem Holzbetrieb. 40.000 Menschen sind Waldeigentümer und erhalten je nach Holzernte Einkommen aus ihrem (oder unserem?) Wald (Quelle: Clusterstudie Forst und Holz in Bayern, 2008).
Die Aufwendungen für die Bewirtschaftung des Waldes garantieren, dass durch eine gesteigerte Holzbauquote nicht nur die Holzbauunternehmen profitieren:  Von der Pflanzung über die Pflege bis zur Ernte und zur Walderschließung. Vom Holz-Transport über den Einschnitt bis zur Herstellung von Bauelementen. Holzverwendung sichert eine deutlich bessere Wertschöpfungstiefe. Mittlerweile gibt es sogar die Möglichkeit, bei der Bauausführung auf regionales Holz zu bestehen. Rechtskonform und nach geltenden Ausschreibungsvorschriften. Der Bayerwald ist ein riesiges Unternehmen – Umsatz 2 Milliarden Euro jährlich. Die Steigerung der Holzernte – und die Steigerung der Holzverarbeitung sowie eine maximale Holzverwendung ist nichts anderes als regionale Wirtschaftsförderung.

Potential

Zurück zu der vom Zukunftsrat attestierten Notwendigkeit, sich auf die eigenen Füße zu stellen. Zu der Diskussion, die Region als Lebens- und Wirtschaftsraum so attraktiv zu machen, dass wir dem Demographieschwert entkommen. Wie soll das gehen? Wie, wenn nicht durch Grenzlandförderung, Interreg Projekte und Leadermittel? Wie, wenn nicht aus dem Fördertopf oder am Fördertropf?
Wenn wir nicht auf von außen eingetragene Hilfe warten wollen (oder können), bleibt uns nur die Besinnung auf unsere eigene Stärken und das konsequente Mobilisieren von vorhandenen Potentialen. Dieses Potential ist der Wald und die Holzverwendung. Dabei sind mindestens zwei Ebenen zu beachten. 1. Die reine Wertschöpfung durch die gesteigerte regionale Holzverwendung und 2.: der Imagetransfer der Holzeigenschaften auf die Region und andere Produkte und Dienstleistungen.
Der Bayerwald als geografische Größe beschreibt seine Lage hinreichend und selbsterklärend. Seine räumlichen Klammern sind die Donau und die Landesgrenzen. Der Bayerwald kann aber mehr als Holz liefern! Er kann der Region, die im Namen mit ihm verbunden ist, eine nach außen vermittelbare Identität geben. Oder für das Marketing: Ein Alleinstellungsmerkmal. Der Bayerwald als Markenidee für Produkte und Dienstleistungen macht sich Werte wie „Nachhaltigkeit“, „Ursprünglichkeit“, „Naturkraft“ zu Eigen.

Strategische Ziele

1.    Schließen und Maximieren der regionalen Wertschöpfungskette Holz

2.    Begleitender Aufbau einer Regionalmarke mit Transferpotential auf andere regionale Produkte und Dienstleistungen

3.    Auflösen des Wahrnehmungsdefizits der Regionalleistungen der Forst- und Holzbranche

„Smarte“ Ziele und Forderungen

1.    Aufbau einer Bayerwald Marke ausgehend vom Holz z.B. als „Bayerwald Premium Holz“

2.    Steigerung der Holzbauquote auf mindestens 65 % im öffentlichen Bauwesen, dazu: Konsequente Verwendung von regionalem „Bayerwald Premium Holz“ für alle öffentlichen Bauten und    Beschaffungen

3.    Steigerung der Holzbauquote auf mindestens 35 % im privaten Bau- und  Sanierungsmarkt, dazu: Informationskampagne „Unser Holz – unsere Zukunft“ und Entwicklung eines Förderkonzeptes „CO2 optimiertes Bauen“ (Kommunen fördern Bau- bzw. Sanierungswillige und erhalten einen Regionalbonus der Kreisverwaltungen)

4.    Steigerung der nachhaltigen Erntemenge für alle Verwendungszwecke. Besonders aus nutzungsfernen Klein- und Kleinstwaldflächen, denn dort sind Nutzungspotentiale. Dazu kann die Entwicklung zielführender Konzepte unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus Projekten zur Waldflurbereinigung, Walderschließung und freiwilligem Kleinflächentausch bis hin zu Gründungen von Waldgenossenschaftsgründungen erfolgreich sein.


Im Netzwerk Forst und Holz engagieren sich Fachleute der Branche zum Wohl und  Vorteil der Region. Die politische Führung hat die Mittel in der Hand, das Innovationspotential und Wertschöpfungspotential dieser Branche zu aktivieren.  Die erzielbaren Effekte der vorgeschlagenen Schritte reduzieren sich nicht auf die regionale Holzbranche sondern entfalten eine Regionalwirkung!


Dipl. Forstwirt Univ. Alexander Schule, Bayerwald, April 2011
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